Drei Länder, ein Ziel: Naturfluss Inn

Der Inn in Österreich, Deutschland und der Schweiz ist unterschiedlich stark belastet, verbaut und gestaut.  Eine aktuelle Untersuchung des WWF zeigt erstmals eine Gesamtübersicht über die Situation des Inn vom Ursprung in der Schweiz bis zur Mündung in die Donau. Daraus kann der Handlungsbedarf der einzelnen Anrainerstaaten abgeleitet werden.

Der Inn heute: Nur noch 1 Prozent ursprünglich
Die länderübergreifende Untersuchung zeigt, wo das Flusssystem des Inn noch überregional bedeutende Naturwerte aufweist und wo die größten Defizite bestehen. Das Ergebnis ist ernüchternd: Nur noch etwa ein Prozent der Fließstrecke ist unverändert. Diese Abschnitte mit herausragender Naturnähe befinden sich im Quelllauf in der Schweiz und in der Imster Schlucht in Tirol. Auf den restlichen 99 Prozent des Verlaufs ist der Wildflusscharakter durch Verbauungen, Begradigungen, Ausleitungen oder Aufstau beeinträchtigt oder bereits völlig verloren gegangen.

 

Von der Quelle bis zur Mündung nimmt der Einfluss des Menschen stetig zu. Während in der Schweiz noch knapp 27 Prozent der Strecke hinsichtlich der Naturnähe als „sehr hoch“ eingestuft werden, sind dies in Tirol nur mehr 8 Prozent. In Deutschland und im Grenzbereich Oberösterreich-Deutschland ist das Bild des Inn überwiegend das eines Kanals. In diesem Bereich gibt es keinen einzigen natürlichen Flussabschnitt mehr.

 

Insgesamt ist der aktuelle Zustand sehr kritisch
Auf seinem gesamten Verlauf sind nur noch ca. 8 Prozent der Fließstrecke aufgrund der vielfältigen Struktur und Nutzung noch als weitgehend naturnah zu bezeichnen. Zwar sind auch diese Bereiche zum Teil durch Ausleitungen oder Schwall/Sunk beeinträchtigt, gewässerdynamische Prozesse sind trotzdem noch möglich. Daraus resultiert die herausragende Bedeutung dieser Abschnitte.

Wichtigste Schritte für einen lebendigen Inn

Aus den vorliegenden Defiziten ergibt sich folgender Handlungsbedarf für die Anrainerstaaten

CH
  • Schutz der ökologisch bedeutenden Flussabschnitte
  • Behebung bzw. Verminderung der Schwallbelastungen durch Kraftwerksbetrieb
  • Belassen eines ausreichenden Restwasserabflusse
A
  • Rechtlicher Schutz der freien Fließstrecke
  • Umfassende Maßnahmen zur Wiederherstellung von naturnahen Flussräumen
  • Herstellung der Durchgängigkeit für Fische & Wasserorganismen
  • Sicherstellung von ausreichend Restwasser
D, D / A
  • Biologische Durchgängigkeit der Staustufenkette herstellen bzw. verbessern
  • Bessere Anbindung der ökologisch wertvollen Auwälder
  • Förderung gewässerdynamischer Prozesse

 

Genauere Informationen zu den Bewertungen finden Sie in der WWF-Studie:

Flussabschnitte mit sehr guter Bewertung

Abschnitte, die dem Leitbild eines natürlichen Alpenflusses noch weitgehend entsprechen (Gesamtbewertung „herausragend“ bzw. „sehr hoch“), befinden sich in folgenden Bereichen:

Schweiz

  • Quellbereich oberhalb des Lunghinsee und zwischen Lunghinsee und Silsersee (Gesamtbewertung „herausragend“)
  • zwischen S-chanf und Zernez
  • die Schluchtstrecke bei Ardez
  • Auengebiet bei Ramosch und bei Strada

Auen Strada

Inn bei Zernez

Tirol

  • Teile der Schluchtstrecke flussabwärts von Martinsbruck
  • unterhalb des Kraftwerks Prutz
  • Imster Schlucht, Mündungen der Pitze und der Ötztaler Ache (Gesamtbewertung auf rund 4 Kilometer „herausragend“ und auf knapp 4 Kilometer „sehr hoch“)
  • in den Mieminger und Rietzer Innauen
  • kurze Abschnitte zwischen Kramsach und Wörgl

In Deutschland befinden sich keine Abschnitte mit der Bewertung „sehr hoch“.

In der Schweiz ist der Inn als Quellfluss oberhalb des Lunghinsee und zwischen Lunghinsee und Silsersee auf einer Strecke von knapp 3 Kilometern noch völlig frei von Verbauungen oder Wasserkraftnutzung. Diese Abschnitte fallen daher in die Wertstufe „herausragend“.

Die mit „sehr hoch“ bewerteten Abschnitte des Inn in der Schweiz und unterhalb von Prutz in Tirol sind über weite Strecken durch die Ableitungen zu den Wasserkraftwerken beeinträchtigt.
Durch die geringe Beeinträchtigung der Gewässermorphologie handelt es sich hierbei dennoch um sehr vielfältige Gewässerabschnitte. Diese finden sich z. B. zwischen S-chanf und Zernez oder bei Ardez in der Schweiz, in der Schluchtstrecke im Grenzbereich Schweiz-Österreich oder in der Milser Au in Tirol.

In Tirol können insgesamt vier Kilometer Fließstrecke im Bereich der Imster Schlucht als „herausragend“ eingestuft werden. In diesen Abschnitten sind die Abfluss- und Geschiebeverhältnisse naturnah und die Gewässerstruktur ist vielfältig und unverbaut. Die Imster Schlucht befindet sich in der freien Fließstrecke des Inn und ist weder durch Stau noch durch Ausleitungen beeinträchtigt. Geringere Beeinträchtigungen entstehen durch den Schwallbetrieb im Oberlauf und durch die rechtsufrig verlaufende Bahnlinie.

Rietzer und Miemminger Innauen

Inn zwischen Kramsach und Wörgl

Zwischen Imst und Kirchbichl ist die Gewässerstruktur nur noch innerhalb der Schutzgebiete Mieminger und Rietzer Innauen naturnahe erhalten. Da es sich jedoch um eine freie Fließstrecke ohne Ableitungen und Staubereiche handelt, sind diese wenigen Bereiche dennoch mit „hoch“ bewertet und besonders schützenswert. Beispielabschnitte liegen etwa unterhalb von Telfs, oberhalb von Zirl, zwischen Stans und Buch in Tirol sowie zwischen Brixlegg und Wörgl.

Stärker verbaute Bereiche in der Schweiz und in Tirol wurden als „mittel“ eingestuft, ebenso die wenigen Abschnitte in Bayern, die noch einen Fließgewässercharakter aufweisen (unterhalb der Staustufen und im Bereich der Ausleitungsstrecke bei Mühldorf).

Flussabschnitte mit „geringer“ und „sehr geringer“Bewertung

Bereiche mit „geringer“ bis „sehr geringer“ Bewertung machen etwa ein Drittel der Fließstrecke aus. In diesen Abschnitten ist der Inn entweder massiv verbaut oder aufgestaut. Während in der Schweiz und in Tirol bis Kirchbichl nur kleinere Bereiche in diese Kategorie fallen, ist ab Kirchbichl der Großteil des Inn entsprechend eingestuft.

In Bayern und dem Grenzbereich zwischen Bayern und Österreich gibt es zwar größere Abschnitte mit ausgeprägten Auwäldern und wertvollen Artvorkommen entlang des Inn. Der Fluss selbst ist  jedoch auch dort fast gänzlich in eine Staustufenkette umgewandelt.
Die wertvollen Bereiche sind hier durch die Zerstörung des Fließgewässercharakters des Inn entstanden und nicht charakteristisch für einen (vor-)alpinen Fluss. Da sich die Bewertung am Leitbild eines naturnahen Alpenflusses orientiert, werden diese Bereiche – trotz ihres unumstrittenen naturschutzfachlichen Wertes – oft mit „gering“ oder „sehr gering“ bewertet.

Dennoch finden sich am Inn in Bayern auch einige mit „hoch“ bewertete Abschnitte, z. B. unterhalb der Staustufe Feldkirchen im Naturschutzgebiet „Vogelfreistätte Innstausee bei Attel und Freiham“, in der Wasserburger Schleife, oberhalb von Mühldorf, bei Töging oberhalb der Einmündung des Innwerkskanals und an der Salzachmündung.

Inn Gurtenbach, Bewertung "gering"